bunker23
herzlichen Dank,
FOTOSTUDIO FÜR BLINDE FOTOGRAF*INNEN BERLIN

PETRA LAIMER +
JOHANNES SCHERER  +
TOURISMUS OBERVINSCHGAU

Das Feuer und seine Vorstellung

Zu einem Ausstellungsvorhaben im Bunker 23 in Tartsch/Tarces/Italien


Gerald Pirner


Der erblindete Autor erinnert sich an das erste oder zweite Schuljahr in der Grundschule, die Aufgabe bestand damals darin: das Malen eines Feuers. Die Faszination ergriff den Jungen, die Faszination für zwei Farben, ein Rot und ein Gelb. Ein Ineinandergreifen der Bewegung des Feuers, die den Jungen ansteckt und er erfährt einen ersten körperlichen Begriff der Mimesis: das Körperwerden eines Wortes. Er erfährt aber auch einen Ausdruck des Chaotischen, von dem er damals keinerlei Vorstellung hatte, er erinnert sich sechzig Jahre später an ein absolutes Chaos aus Rot und Gelb auf weißem Papier, das dem Herrn Oberlehrer aber so gut gefiel, dass es als besonders gelungen an der Wand ausgestellt werden durfte. Aber, der Oberlehrer ist tot, die frühe Faszination für Farben ist längst der Melancholie über die Erblindung gewichen. 

Aber was kam da damals eigentlich aus seiner Hand. Es war ein Feuer selbst, das seine Ansteckung im allein ausgesprochenen Wort gefunden hatte: Feuer. Etwas, das im eigentlichen kein Bild als Stillstellung haben konnte, ohne das Eigentliche des Feuers, seine Bewegung nämlich, zu verraten. Der Mann erinnert sich Jahrzehnte später an einen Befall, an ein Fieber, das das Kind bei der Aufgabenstellung erfasst haben musste. Es war von diesem zu malenden Feuer geradezu besessen gewesen. 

Was ihn da aber erfasst hatte, war etwas, das ihm geradewegs die Hand führte, das nichts ausdrückte, was er kannte, in einem solchen Zustand des Außersichseins kannte er sich selber nicht aber das sollte ihm erst Jahre später auffallen, sollte ihm als eine seiner ersten Rasereien bewusst werden. Etwas hatte ihn gepackt und er suchte es loszuwerden, obschon er hierzu gar keine Macht hatte und das spürte er damals unbewusst. Es schüttelte ihn einfach und er hielt die Stifte, um das Schütteln aus ihm heraus gleiten lassen zu können. Wie eine Art Blitzableiter seiner selbst hatte er damals dagesessen auf seinem Stühlchen und das Schütteln breitete sich auf dem Papier als dessen eigene Aufzeichnung aus, wurde Fläche, wurde Bild, wurde Tanz.

 

Wärme dich, das Feuer brennt!

Eine Mutter, ein Sohn, eine alte ländliche Küche in unseren Tagen. Von hinten der Mann in  einer schwarzen Lederjacke. Die Hände sind nicht zu sehen, von seinem Körper teilweise verdeckt der Küchenherd. Die Mutter, die Brille vor dem Gesicht, ein Aufsetzen, ein Absetzen, nicht zu entscheiden aus dem was zu sehen ist. Vielleicht hantiert sie am Herd, vielleicht hört sie ihm zu, sie jedenfalls spricht nicht, vielleicht er, was von hinten nicht zu sehen ist.

Das Feuer nur eine Erinnerung der Anwesenden. Nichts zeigt es. Die Jacke aber, die Position vor dem Herd, lässt Kälte ahnen. Ein dritter ist nicht sichtbar anwesend, bezeugt seine Anwesenheit aber durch das Foto, durch den leeren Platz des Fotografen, des Beobachters, durch den Titel.

Was aber ist ein Bild. Was ist ein Bild des Feuers in Anbetracht seiner Nichtsichtbarkeit. Was ist sein Begriff. Was weckt das ausgesprochene Wort im Körper. Was macht das Wort zum Bild und umgekehrt. 


Im Bildlosen des Blinden übersetzt sich das Bild in seine Beschreibung, wird flüssig, wird Zeit. Ist das Bild des Feuers die Stillstellung einer unbändigen Bewegung, ergreift es den Bildlosen, indem es ihn in der Beschreibung anrührt. Bespringt das Bild die Sehenden geradezu, erweckt seine Beschreibung im Bildlosen ein Gefühl der Wärme. Erweckte es Grauen, wenn es nicht in den Griff zu bekommen ist. 


Der Titel, im Bild hier entscheidend, ist ein Medium, das die Nähe von Wort und Bild verdeutlicht, hier sogar verkörpert. Eine stille Szenerie und das Bild spricht nur vom Rücken, von der Mutter, der Küche und vom Fotografen. Kein Feuer. Worte von Beteiligten, Namen, auch der des Feuers, der nur in seinem Wort Wärme und die Situation der Wärme erzeugt. Das Wort steckt an, bringt eine Konstellation hervor, der Rücken vor den ausgestreckten Armen, eine Verweigerung, ein Bekenntnis. Das Wissen um Mutter und Sohn, das Wissen um den Tod des Sohnes.

Die Mutter, die die Brille nötig hat oder hatte, um am Herd zu hantieren, vielleicht aber auch um den Sohn zu sehen, ihn anzusehen, ihn genauer zu sehen. Jetzt, da man das Bild in diesem Augenblick sieht, weiß man, dass er tot ist, wie man vom Fotografen hört, dass die Küche damals von einem Feuer im Ofen beheizt war. 


Das Bild in seiner Betrachtung weist immer in zwei Richtungen, die einer abgebildeten Vergangenheit und die der präsentischen Gegenwart, immer aber auch auf die Vielschichtigkeit eines Kontextes, in den das Bild eingebunden ist.

Solchen Kontext stellt einerseits das Bild selbst her, hier die Abbildung einer   ländlichen Küche heute. Einen anderen Teil des Kontextes bringt die Szenerie hervor, die zugleich auf den Mythos wie aber auch auf das Medium des Bildes  selbst verweist.


Anfangs war den Menschen das Feuer untersagt. Der Menschenfreund Prometheus, einer aus dem Geschlecht der Titanen, den Gegenspielern der hohen und vermeintlich guten Olympier, die die Unterwelt behausen, stielt den Menschen das Feuer. Das wilde Feuer aus der Unterwelt, später wird es von einer Jungfrau gehütet und als Herdfeuer gezähmt. In Gestalt der Hestia oder Vesta, wie sie in Rom heißt, wird der Schutz des Herdfeuers im Olymp aufgenommen. Noch vor Zeus muss ihr geopfert werden, und der höchste Gott gewährt ihr auf ihr Verlangen hin Jungfräulichkeit, beschützt sie, der Mann die Frau vor Übergriffen, nachdem sie bei einem Trinkgelage beinahe von einem Gott vergewaltigt wird, und sie sich mit Erfolg wehrt.

Aber nicht einfach das Feuer hütet die Göttin, wie gesagt, es ist das im Herd gebändigte Feuer, das sich nach Regeln nur fortpflanzen soll, etwa, wenn Feuer für eine neue Kolonie vom Vesta-Tempel geholt wird, wenn man für einen Feldzug auch Feuer braucht, um selbst zu überleben.

Die Angst vor dem Feuer ist seiner unkontrollierten Verbreitung, ist der Ansteckungsgefahr, die von ihm ausgeht, geschuldet. Von einer solchen spricht auch die Metapher der Triebe als Hitze und Feuer, deren Raserei wohl in der römisch-griechischen Kultur nur gebändigt gerne gesehen wurde, wie das Feuer selbst und von hier aus macht der Mythos der Jungfräulichkeit der Hestia noch einen ganz anderen aber offenkundigen Sinn. 


Vielleicht könnte man das Bild des Feuers, den Begriff des Feuers, die Darstellung des Feuers überhaupt als eine spezielle Form der Einhegung verstehen. Eingehegt wird so nicht allein die Beweglichkeit des Feuers, sondern auch seine Geschichte und all seine Geschichten, die vom Bild immer auch und ganz persönlich aufgerufen werden.

Die Einhegung eines Geschehens in Bild und Wort gefriert ein Geschehen zwar ein, in seiner Eigenschaft als Simulacrum erhält das Bild aber seine Fähigkeit der Ansteckung, zeugt nicht allein vom abgebildeten Feuer, erzeugt in Bild und Erzählung bei seinem Anblicken und seinem Anhören Wärme, und allen Momenten, die es als Zusammenhang stiftendes Medium, als Ort von Geselligkeit und Gesellschaftlichkeit ausweisen, die aber genauso von seiner verheerenden Kraft zeugen können und Schrecken und Grauen hervorrufen können.

Wahrnehmung wurde in der Antike als Stoffwechselprozess verstanden, als Vermischung einer von allen Dingen wie Wesen ausgestrahlten und abgesonderten feinstofflichen Substanz. Ein jedes Ding, ein jedes Wesen scheidet seine Vorstellung von sich aus, etwas das, von Epikur oder Jahrhunderte später von Lukrez, als Simulacrum bezeichnet wird.Alles hatte so sein Bild immer bei sich, ist dieses Bild aber niemals, ist nicht mit ihm identisch. Welt war so zugleich immer Wirklichkeit wie ihre Einbildung.

Umgekehrt kann auch die Rückwirkung der Vorstellung auf den Körper der Wahrnehmenden verstanden werden. Bild wie Wort sind so nichts andres als Infektionsherde, die Atmosphären, Wirkungen vom Geschauten oder vom Gehörten auslösen.

Aber was ist ein solches Bild. 

Ein Bild stellt still. Ein Bild stellt zusammen. Ein Bild rahmt Zusammengestelltes. Ein Bild stellt spezifische Beziehungen her. Ein Bild bildet nicht ab. Ein Bild erfindet. Ein Bild ist die Gefahr der Ansteckung.

Wir sehen Benno, sehen seine Mutter, wir wissen um Othmar Prenner den Fotografen und wir nehmen Platz in einer ländlichen Küche und hören der Mutter zu und es wird warm.

 

Benny ist tot. Der dumpfe Schlag nimmt den Atem. Die Farbe weicht aus den Dingen. Stillstand. Erschöpfung. Leere. Benny war ein Träumer, in einer Gesellschaft, in der dies als Schimpfwort gilt: „Du Träumer! - Du träumst doch! - Träum weiter!“ In harter und ausdauernder Arbeit verwandelte er seinen Bunker, der einst zu Mussolinis kriegerischer „Linea non mi fido“ gehörte, in einen Ort der Gastfreundschaft, der Kreativität, des poetischen Spiels. Den betonblanken Schädel dieses vormals düsteren Zerrbilds militärischer Männer-Phantasien umfasste er mit einer hölzernen Zaun-Krone und verlieh ihm so tänzerische Leichtigkeit: Ihre Form folgt der Soundwave von John Lennons musikalischer Liebeserklärung an das Leben: „Give Peace a Chance“.
Überhaupt die Musik. Vielleicht war sie seine wirkliche Heimat. Ich besuchte Benny immer wieder gern mit meinen Matura-Klassen. Meine Schüler/innen sollten einen Eindruck davon gewinnen, welch unterschiedliche Lebensentwürfe es gibt, welche Freiheiten das Leben eröffnet, wenn man bereit ist, auch den Preis dafür zu bezahlen, den eigenen, vielleicht riskanteren Weg abseits ausgetretener Pfade gehen zu können. 
Benny war ein wunderbarer Gastgeber. Die Schüler/innen spürten seine Liebe für die Menschen und die reichte bis ins kleinste mit unerschöpflicher Gestaltungsfreude konzipierte Detail seines Bunkers Susa 23. 
Ein zufriedenes Lächeln blitzte in seinem Gesicht auf, wenn er, der DJ aus unseren Jugendjahren sah, wie die Schüler/innen es genossen, dass die wummernden Bässe den Bunker zu einer großen Sound-Machine machten. 
Bennys Bunker war eine Plattform für alles Denkbare, eine Startrampe für Außer-Ordentliches, seine schiere Existenz wirkte heilsam und bestärkend in einer Landschaft ringsum, der - Betonsäule nach Betonsäule - alle guten Geister ausgetrieben werden. 
Jetzt … lastet bleierne Traurigkeit auf dem verwaist zurückgelassenen Gemäuer. „Wer ein Leben rettet, rettet eine ganze Welt“, weiß ein jüdisches Sprichwort. Gleichwohl gilt, das müssen wir jetzt erneut erfahren: Geht ein Leben verloren, geht eine ganze Welt verloren. Klanglos verhallen unsere Fragen: Wie konnte das passieren? Warum ist es passiert? Was hätten wir tun können, um es zu verhindern?(…)
Was können wir jetzt tun, künftig tun, um „es“ zu verhindern?
Wir müssen wieder in Bewegung kommen. Einen Fuß vor den andern setzen. Schritt für Schritt, aufeinander zu. Wir müssen lernen, unverstellt miteinander zu reden. Wahrhaftig sein, versuchen, in jedem Augenblick ganz da zu sein. Uns in unserer Gesamtheit mitteilen. Uns ohne Furcht auch unseren Schmerz zeigen. Keine Angst haben, um Hilfe zu bitten, wenn wir Hilfe brauchen. Keine Scheu haben, Hilfe anzubieten. Uns aneinander wärmen. Weiter träumen. 
Träum weiter, Benny!


Thomas Strobl Vinschger Publiziert in 37 / 2019 - Erschienen am 29. Oktober 2019

Sven,
Marion hat mich gestern angerufen und mich gebeten einige
Gedanken über dich und über uns zu schreiben, sie ist der
Ansicht, dass ein Freund dafür am besten geeignet ist. Ich
wurde mit dieser Bitte überrascht. Es fällt mir nicht
leicht. Ich habe nicht viel geschlafen die letzten Nächte.
Ich versuche es – viele Erinnerungen kommen hoch, viele
Bilder. Die Zeit, der Umgang mit der Zeit mit deiner Lebenszeit,
190 bis 270 Beats per Minute diesen Takt hast du dir
vorgegeben. 24 Stunden hat ein Tag, diese 24 Stunden können rasend
schnell vergehen, jedoch auch unendlich lang erscheinen,
wenn man 24 Stunden mit einer Kuh in seinem Zimmer
verbringt. Auf einem Kirchturm sitzt und jede Stunde die
Glocke schlägt. In einem selbst gezimmerten Boot, das die
Form eines Sarges hat, um einen Turm rudert. 24 Stunden
lang einen Butterkübel dreht. Einen ganzen Tag und eine
ganze Nacht lang ein Maschinengewehr mit einer Feile
bearbeitet, so dass nur noch Späne übrig bleiben.
Diese unendlich vielen Zeichnungen, die alle Gegebenheiten
des menschlichen Daseins beinhalten. Wie ein Emmentaler
Käse durchlöcherte Skianzüge welche letztendlich auch die
Höhen und Tiefen des Lebens beschreiben.
Im Jahr 1975 versuchte der 33-jährige Bas Jan Ader mit einem kleinen Segelboot eine performative Atlantiküberquerung mit dem Titel
„In search of the miraculous“.
10 Monate nach seiner Abreise wurde das leere Boot vor der
Küste Irlands angetrieben. Jan Bas Aders Körper wurde nie
gefunden.Gabber der Kunst, auch du hast den Atlantik überquert,
jedoch wir konnten dich finden. Möge deine Reise auf der
Suche nach den Wundern nie enden. Wir werden dich und dein
Werk für immer in unseren Herzen behalten.
Othmar Prenner

Das 2014 verwirklichte Projekt von Othmar Prenner trifft mitten ins Herz des Bunkers 23.
Ein Wohnwagen ragt aus dem inneren Bunkers und wagt somit, jede Menge Fragen aufzuwerfen. Für Prenner ist die Verbindung zum Thema Frieden offensichtlich; hier werden Vergangenheit nicht verneint, sondern ihr begegnet. Angstfrei und dies mit einer unübersehbaren Wucht. Das Bewegliche des Campingwages, Sinnbild für Freiheit, Neugierde und Austausch, so Prenner, kombiniere sich bestens mit dem feststehenden Bunker als materielles Erbe wie auch mit dem Sinnbild des Bunkers für eine belastete Vergangenheit. „Frieden braucht Freiheit und die Chance, frech sein zu dürfen. Frieden lebt auch von Toleranz“. Heiter aufgebrochen wird auch die Sichtweise auf das Relikt des italienischen Faschismus und feiert mit seinem unverkennbaren Prenner'schem Stil die Tatsache, dass diese Zeit so nicht mehr wiederkommen muss. Während der Campingwagen heiter wie die Ferienzeit ein schweres Thema der Vergangenheit neu belebt, kann diese so neu betrachtet werden. Denn der Frieden und die Kunst sollten allen zugänglich sein. Der architektonische Aufbau des 360 Quadratmeter großen Plateaus auf dem Bunker 23 sollte ein Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und Diskussionen dienen.
Denn 75 Jahre, nachdem dieser Bunker als Teil des Alpenwalls konzipiert und gebaut wurde und knappe 50 Jahre nach dem Komponieren eines Liedes, das als Botschaft für den Frieden um die Welt gehen sollte, ist die sichtbar gemachte Tonfolge von John Lennons‘ „Give Peace a Chance“ heute als Komposition in Föhrenholz schon von weitem als Brüstung der Plattform sichtbar. 
Katharina Hohenstein